Kirchenführung

Ein Rundgang durch die katholische Pfarrkirche
in der Siegener Altstadt

Anfänge der Kirche

In den Jahren zwischen 1702 und 1725 wurde die Marienkirche an der Löhrstraße als heute älteste katholische Pfarrkirche im Dekanat Siegen errichtet. Grund der Errichtung war ein großer Stadtbrand im Jahre 1695, dem die damals simultan genutzte Johanneskirche an der Kölner Straße zum Opfer fiel. Die katholischen Christen verfügten dadurch über keine geeignete Gottesdienstumlichkeit. So beriefen die seinerzeit hier die Pfarrei leitenden Jesuiten den ordenseigenen Architekten Bruder Anton Hülse im Jahre 1700 nach Siegen, um die Pfarr- und Kollegskirche "Maria Himmelfahrt" zu entwerfen und die Bauarbeiten zu leiten. Erst am 16.10.1729 erfolgte schließlich die Konsekration, obwohl die Kirche schon viele Jahre zuvor genutzt worden ist. Sie wurde als lang gestreckter, nach Norden ausgerichteter Rechteckbau errichtet und stand damals wie heute auf zwölf mächtigen, nach innen gezogenen Pfeilern, die als Sinnbild für die auf die 12 Apostel auferbauten Kirche gelten. Die Marienkirche verfügte einst über einen bis zum Gewölbe reichenden barocken Hochaltar sowie zwei Seitenaltäre. Die einstige Innenausstattung ging nach dem zerstörerischen Bombenangriff auf Siegen am 16.12.1944 fast llig verloren, ebenso auch der markante Turmhelm. Unmittelbar nach dem Krieg wurde unter Pfarrer Wilhelm Ochse zügig mit dem Wiederaufbau begonnen. Der Turmhelm mit der unverwechselbaren zweigeschossigen Laterne konnte kupferbedeckt rekonstruiert werden und ist heute wie damals ein Wahrzeichen der Stadt Siegen.


Markante Punkte

Wer heute das Gotteshaus in der Siegener Altstadt betritt, richtet meist den Blick zur monumentalen Kreuzigungsgruppe, welche 1952 von Peter Terkatz fertiggestellt wurde und die Szenerie aus dem Evangelium Joh. 19, 26-27 festhält.

,,Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter:
Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem
Jünger: Siehe, deine Mutter!"


Derselbe Künstler stellte in dieser Zeit auch die Madonnenfigur her. Besonders raumprägend ist auch das 1947 fertiggestellte massive neobarocke Rundbogengewölbe. Besonders auffällig ist auch die im gleichen Stil errichtete Orgelempore sowie die 32 Register hlende W.-Seifert-Orgel von 1956.


























Schätze

Die Kreuzwegstationen wurden von Hermann Lückenkötter entworfen und 1962 angebracht. Eine weitere Passionsdarstellung findet sich im hintersten Teil der Kirche, ein mehrere Jahrhunderte altes Pieta-Gemälde eines unbekannten Künstlers: Die Kreuzabnahme Jesu, der in den Schoß seiner Mutter gelegt wird. Die davor befindlichen Kerzen wollen stets als Gebetseinladung verstanden werden. Die 1969 eingesetzten, von Sr. Ehrentrudis Trost entworfenen farbenfrohen Fenster verbreiten je nach Sonneneinstrahlung eine besondere Stimmung. Sie sind als Zyklus angeordnet und stellen die Geheimnisse des Rosenkranzgebetes dar. Zum Beispiel:


Jesus, den du o Jungfrau (Maria) zu Elisabeth

getragen hast ... Jesus, der uns (seiner Kirche)

den Heiligen Geist gesandt hat. .. Jesus, der

dich o Jungfrau in den Himmel aufgenommen

hat."

Die Darstellung der Himmelfahrt Marias erinnert gleichzeitig an das einst von den Jesuiten begründete Patronat der Pfarrei Siegen.










Neugestaltung

In den Jahren 1973/74 wurde die Marienkirche einer gründlichen Renovierung unterzogen. In diesem Zusammenhang wurden an der Südseite die schon von Architekt A. Hülse vorgesehenen Durchbrüche des Hauptportals und des gren Fensters realisiert, letzteres von Wilhelm Buschulte entworfen. Die Gestaltung von Altar, Ambo, Tabernakel und Taufbrunnen lag in den Händen von Liesel Bellmann. Ihre Werke sind der Pflanzenwelt entliehen, sollen zeitlos sein und dem Liturgieverständnis des 2.Vatikanischen Konzils entsprechen und so zu einer würdigen Feier der Liturgie beitragen. Ungewöhnlich ist die Gestalt des Tabernakels, gegenwärtigen Christus hindeuten soll. Die Rückwand will Ehrfurcht und Anbetung vermitteln. In der Nähe des Taufbrunnens ist eine Grabplatte angebracht, welche auf die hier befindliche gräfliche Grabstätte der katholischen Linie des Hauses Nassau-Siegen aufmerksam machen will, sowie anderer hier in der Zeit zwischen 1711 und 1766 beigesetzter Personen. Zum 300. Jahrestag der Grundsteinlegung kehrten 2002 vier Heiligenfiguren nach fast 100 Jahren in die Marienkirche zurück. Sie sind besondere Kostbarkeiten der Linie des Hadamarer Barock und wurden 1728 von Johann Theodor Düringer als Bestandteile der beiden Seitenaltäre gefertigt. Diese Skulpturen erinnern an das Wirken der Jesuiten in Siegen und stellen im vorderen Kirchenschiff die beiden Jesuiten-Heiligen Stanislaus Kostka und den Aloisius von Gonzaga, im hinteren Teil die weinende Gottesmutter Maria und den hl. Johannes Ev. unter dem Kreuz dar. Von der einstigen Präsenz der Jesuiten kündet auch der Fassadenschmuck über dem Portalfenster der Südseite, das goldene Christusmonogramm)  "IHS" (Iat. "lesurn Habemus Socium"- "Wir haben Jesus als Gefährten").



























Die neuen alten Heiligenstatuen unserer Pfarrkirche




Nach genau 105 Jahren sind vier Heiligenstatuen in die St. Marienkirche zurückgekehrt: Maria, Johannes, Aloisius und Stanislaus. Sie waren einst Teil der barocken Erstausstattung und gehörten zu zwei Seitenaltären, die sich in Nähe der dritten Fensternische jeweils vor dem Aufgang zum Chorraum befanden. Im Auftrag des Jesuitenpaters Matthias Hall wurden sie im Jahre 1728 von dem Hadamarer Bildhauer Johann Theodor Düringer (1696-1761) gefertigt, der bis heute als ein Vertreter der Hochform des Hadamarer Barock gilt.

Der linksseitige Altar war dem Jesuitenheiligen Franz Xaver geweiht, der in Indien und Japan den christlichen Glauben verbreitete. Zu diesem Altar gehörten als Pendanten die Statuen des hl. Aloisius von Gonzaga und des hl. Stanislaus Kostka.

Aloisius (1568-1591) als Patron der Jugend und der Studierenden verzichtete auf eine große Erbschaft, um ungeteilt Gott dienen zu können. Er trat bereits im Alter von 17 Jahren der Gesellschaft Jesu (Jesuiten) bei und widmete sein Leben der Pflege Schwerkranker, sowie theologischen Studien. Während einer schweren Pestepidemie steckte er sich schließlich selbst an und starb mit 23 Jahren in Rom.

Stanislaus (1550-1568) ist Patron Polens und der studierenden Jugend, der schon früh um Aufnahme in den Jesuitenorden bat. Sein Wesen war fröhlich, bescheiden und hilfsbereit. Im Alter von erst 17 Jahren wurde er in Rom Novize. Jedoch noch vor Vollendung seines 18. Lebensjahres verstarb er an einem 15. August, dem Maria Himmelfahrts- Fest. Er ist dargestellt mit Jesuskind.

Rechts gegenüber befand sich der Altar der sogenannten Todesangstbruderschaft, einer jesuitischen Gebetsgemeinschaft (Kongregation) "Zur schmerzhaften Muttergottes unter dem Kreuze", die 1641 gegründet wurde und seit etwa 1680 auch hier in Siegen ansässig war. Anliegen dieser Kongregation war es, um eine gute Sterbestunde zu beten. Dieser Altar war mit einer Kreuzigungsgruppe bestückt, zu dem, ebenso als Pendanten, die Statuen der hl. Maria Muttergottes und des hl. Johannes Evangelist zählten. Die Szenerie bezog sich auf Joh. 19,25-26, so wie wir sie auch von der monumentalen Kreuzigungsgruppe an der Chorrückwand kennen.

Nach fast 170 Jahren wurden 1897 im Zuge umfangreicher Renovierungsmaßnahmen die als überflüssig und morsch geltenden Seitenaltäre abgebrochen. Sie ließen sich nicht in das damals moderne neogotische Umgestaltungskonzept hineinfügen. So gelangten die noch intakten Heiligenfiguren zusammen mit der Bekrönung des gleichfalls abgebrochenen vierzehn Sitzplätze zählenden Fürstenstuhles zunächst in das alte Pfarrhaus an der Burgstraße, Ecke Höhstraße, ehe dann die besagten Inventarien im Jahre 1905 leihweise dem neu eingerichteten Siegerlandmuseum im Oberen Schloss überlassen wurden. Die Statuen waren im Laufe der Jahre zeitweise in der Ausstellung oder auch im Depot untergebracht. Entscheidend aber ist, dass sie dort die Bombenangriffe 1944/45 überstanden haben, jedoch zunächst aus dem Blickfeld der Gemeinde verschwanden.

Nachdem eine Zuordnung erst durch die 1990 begonnene Kontaktaufnahme seitens der Pfarrei mit der Museumsleitung stattfand, wurde 1999 aufgrund von Verhandlungen zwischen Pfarrgemeinde, Erzbistum und Stadt Siegen als Betreiber des Siegerlandmuseums geklärt, dass diese kunsthistorisch sehr wertvollen Figuren an den Ort zurückkehren sollten, für den sie einst bestimmt waren.

Der Restaurationsbetrieb Rademacher (Olpe) führte anhand von Farbresten und aus Kenntnis solcher historischer Objekte die nötige Oberflächenbehandlung durch. So konnte der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt werden.

Diese vier Heiligenstatuen stellen ein außergewöhnliches künstlerisches und geschichtliches Zeugnis dar. Sie wollen die dreihundertjährige Geschichte der St. Marienkirche lebendig vor Augen führen, aber auch an unsere eigene christliche Berufung erinnern.


Matthias Weißner